aufgepasst

Atriumhäuser in München
Walliser Straße
München

Eingestellt von: Dr. Hanns-Erik Endres
Eingestellt am: 11.02.2024

Bayerische Denkmalliste: nicht eingetragen
Denkmal-Typ: nicht eingetragen

Atriumhäuser in München

Die kompakten Einfamilienhäuser der Siedlung Fürstenried West aus den 1960er Jahren

Der Bau der Großsiedlung Fürstenried Ende der 1950er Jahre fiel in eine Zeit, in der die größte Wohnungsnot in München zwar behoben war, aber dennoch schnell weiterer Wohnraum geschaffen werden musste. Im Landtagswahlkampf 1958 wurden vom Bundesbauministerium Fördermittel für „Trabantenstädte“ ausgelobt und der Stadt München direkt angeboten. Eine 'Satellitenstadt' innerhalb des Münchner Stadtgebietes erschien als nicht realistisch, wohl aber der Bau von Großsiedlungen. Auf Empfehlung des Baureferats wurden die Flächen des Stadtgutes Fürstenried als mögliches Bauland vorgesehen. Das Stadtgut zeichnet sich durch seine Nähe zur Innenstadt aus.

Einige Architekten warnten vor zu großer Eile, Joseph Ströbl fasste die Bedenken 1959 in der Süddeutschen Zeitung zusammen: „die Gefahr sei riesengroß, dass man diese Siedlungen gewissermaßen im 08/15 - Stil hinhaut, wie so viele trostlose Mietskasernen in der Ära der Einfachstwohnungen“ und „Wir kennen und fürchten die Anfälligkeit vieler Stadtväter, für bescheidene Augenblickserfolge und für das recht biedere Argument, dass sich möglicherweise um das gleiche Geld doch noch ein paar Wohnungen mehr bauen ließen“. Trotzdem beschloss der Stadtrat 1959 „leider auf eine wohldurchdachte Planung mit Hilfe eines Architektenwettbewerbs zu verzichten, weil die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften das Bauland so schnell wie möglich brauchen.“ Auch das Bundesbauministerium konnte überzeugt werden, die Großsiedlung Fürstenried als Demonstrationsprojekt zu fördern.

Der Auftrag für den Bebauungsplan wurde an eine Arbeitsgemeinschaft der Architekten Fred Angerer, Hans Knapp-Schachleitner, Ernst Maria Lang, Franz Ruf und Adolf Schnierle vergeben. Die Arbeitsgemeinschaft erarbeitete den Plan innerhalb weniger Monate nach dem Stadtratsbeschluss. Der Plan sah nicht nur Mehrfamilienhäuser, sondern auch kompakte Eigenheime in Form von Reihen- und Atriumhäusern vor. Geplant waren Geschäfte vom Einzelhandel bis zum Kaufhaus, Kirchen, Schulen und andere soziale Einrichtungen sowie eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und eine gute Erschließung für den Autoverkehr. Die Straßen wurden als Ringstraßen geplant, um Durchgangsverkehr auszuschließen. Allerdings trennte die Olympiastraße die beiden Bauabschnitte. Deren späterer Ausbau zur Autobahn nach Garmisch schmälerte die als Abstandsflächen vorgesehenen Grünstreifen erheblich.

Unter den gegebenen Umständen und dem engen Zeitplan war keine hohe architektonische Qualität zu erwarten. Dennoch entstanden einige gute Einzelprojekte. Im zweiten Bauabschnitt Fürstenried West (1961-1963) wurden Atriumhäuser von Fred Angerer, Franz Ruf und Lois Knidlberger errichtet. Diese sind in eng gestaffelten „Teppichsiedlungen“ angeordnet und über Wohnwege erschlossen.

Ein Atriumhaus umschließt einen licht- und luftdurchfluteten Innenhof und benötigt letztlich nur eine Öffnung in der Außenwand - den Eingang. Diese Häuser waren schon früh attraktiv, da sie den besten Schutz vor Eindringlingen boten und später die Privatsphäre vor neugierigen Blicken schützten. Im Römischen Reich waren sie als Villenform bis in die letzten Winkel des Reiches verbreitet, so auch in Bayern. Mit dem Ende des Römischen Reiches gerieten Atriumhäuser jedoch aus der Mode.

Nach den Anstrengungen des raschen Wiederaufbaus nach dem Krieg und dem Trend zum Einfamilienhaus wurde die Idee des Atriumhauses wieder aufgegriffen. Der typische Grundriss des Atriumhauses ist „L“-förmig. Ein Schenkel des „L“ beherbergt den Eingang, die Küche und das Wohnzimmer und grenzt an den Wohnweg, was auch kleine Fenster zu diesem ermöglicht. Im anderen Schenkel des „L“, der an den Garten des Nachbarhauses grenzt, befinden sich die Schlaf- und Kinderzimmer sowie das Bad an der Schnittstelle. Die großen Fenster zum Innenhof sorgen für ausreichend Licht und Luft in den Räumen, sind jedoch nicht einsehbar. Die Atriumhäuser sind um etwa einen Meter versetzt und leicht aus der Wegachse gedreht. Die kleinen, dreieckigen Freiflächen vor den Häusern lockern die Zeile auf. Das Atrium ist durch eine Mauer und eine Gartentür vom nächsten Weg abgegrenzt. Die Fotos stammen aus der Siedlung, die von Fred Angerer (1925 - 2010) und und dessen Büro entworfen wurden. Es ist nicht überraschend, dass zwei Mitarbeiter Fred Angerers in diese Siedlung, die auch auf der Karte vermerkt ist, gezogen sind.

Der damalige Chefredakteur der Zeitschrift „Baumeister“, Paulhans Peters, schrieb in der Süddeutschen Zeitung 1964: „Wer aber die Nähe der Stadt will, also hohe Grundstückspreise bezahlen muss, wer seine Ruhe haben und nur dann mit seinen Nachbarn zusammentreffen möchte, wann er Lust dazu verspürt, wer sein Haus nicht als äußerliches Dokument eines sozialen Status betrachtet und wer mit seiner Bausparsumme ein Optimum an Wohnwert erreichen möchte, für den gibt es im Augenblick kein besseres städtisches und familiengerechtes Wohnhaus als das Atriumhaus.“

Die Siedlungen sind in einem guten Erhaltungszustand und von gravierenden Überformungen weitgehend verschont geblieben. Lediglich Pflegeanleitungen und Gestaltungshinweise für die Flächen entlang der Wege wären hilfreich gewesen, um den Siedlungscharakter besser zu erhalten. Die Atriumhäuser Fred Angerers heben sich sowohl durch ihren gestalterischen Ansatz vom Siedlungsbau der damaligen Zeit ab. Es empfiehlt sich zu prüfen, ob zumindest ein Teil dieser Häuser unter Ensembleschutz gestellt werden kann.

Literatur:

  • Demonstrativbauvorhaben Großwohnanlage München Fürstenried, Städtebauliche Auswertung, Städtebauinstitut Nürnberg, 1965
  • Herbert Kallmayer, Stephan Lintner, Flächensparende Wohngebiete, Arbeitshefte für die Bauleitplanung Nr. 13, Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Inneren München 2001
  • Joseph Ströbl, Erst Wohnungen, dann Satelliten, SZ München, 06.02.1959, S. 4
  • Wolfgang Willmann, Die Stadt plant ins Blaue, SZ München, 15.04.1959, S. 4
  • Herwig Weber, Der große Münchner Plan, 123300 Wohnungen bis zum Jahr 1966 / jährlich über dreißigtausend Zuziehende, FAZ, 12.04.1962, S. 6
  • B.J., Fürstenried, FAZ Frankfurt, 07.03.1963, S. 20
  • Paulhans Peters, Atriumhäuser, Callway München, 1961
  • Paulhans Peters, Neue Atriumhäuser, Callway München, 1967
  • Paulhans Peters, Wohnen im Atriumhaus, SZ München, 27./28.05.1964, S. 23

In München wurden kürzlich 24 Atriumhäuser auf dem ehemaligen Gelände der Prinz-Eugen-Kaserne im Rahmen einer ökologischen Mustersiedlung errichtet.

Atriumhäuser in München - Fotos

Wir brauchen Ihr Einverständnis

Dieser Inhalt wird von Dieser Inhalt wird von OpenStreetMap (OSMF) mit Leaflet bereit gestellt.

Weitere Details