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GEWOFAG Siedlung Neufriedenheim
Inderstorfer Straße
München

Eingestellt von: Hanns-Erik Endres
Eingestellt am: 01.11.2022
Geändert am: 03.11.2022

Bayerische Denkmalliste: eingetragen
Denkmalatlas / Aktennummer: E-1-62-000-94
Denkmal-Typ: Ensemblebestandteil

GEWOFAG Siedlung Neufriedenheim

Die Kleinhausanlage von Bruno Biehler (1928 - 1930)

„Hier schreit am lautesten die Wohnungsnot“, schrieb 1921 der nach München zurückgekehrte Joachim Ringelnatz in der „Weltbühne“. Die Münchner Wohnungswirtschaft war in diesen Jahren von Zwangsbewirtschaftung und zu wenig Neubauten geprägt, da die Inflation bis 1923 mit nachfolgender Wirtschaftskrise aus Geldmangel größere Bauvorhaben scheitern ließ.

1926 stellte Stadtbaurat Karl Preis dem Stadtrat das „Münchner Sonderbauprogramm“ vor, das mit dem Bau von 12.000 Wohnungen den Wohnungsmangel beheben sollte. Die Kleinhaussiedlung Neufriedenheim mit 588 Wohnungen ist die kleinste der von Karl Preis geplanten sechs Großsiedlungen für die eine eigene Wohnungsbaugesellschaft, die GEWOFAG, gegründet wurde. Weitere Siedlungen entstanden in Neu-Harlaching, Neu-Ramersdorf, Neuhausen und am Walchenseeplatz. Die baulichen Vorgaben sahen verputzte Ziegelbauten mit geneigtem Dach und Kastenfenstern, eine gestalterische Anlehnung an die lokalen Traditionen und die Verwendung hiesiger Baumaterialien vor, um Schäden durch unerprobte Materialien und Bauformen wie Flachdächer zu vermeiden. Die Wohnungsgrößen und -grundrisse mit Bädern und Toiletten entsprachen zeitgemäßen Anforderungen genauso wie die Grünanlagen innerhalb der Wohngebiete. Die Fassaden hatten eine moderne, glatte Anmutung und wurden meist nur mit Skulpturen über dem Eingang oder Wandmalereien an den Gebäuden verziert.

Das für die GEWOFAG-Siedlungen vorgeschriebene geneigte Dach war eine bewusste Abkehr von dem als zu modern empfundenen Bauhausstil in anderen Städten mit seinen Flachdächern. Diese formale Architektursprache zwischen einem reduzierten Heimatstil und einer vereinfachten Moderne war am ehesten konsensfähig und wurden schon in der zeitgenössischen Literatur als „Münchner Stil“ bezeichnet.  

Die Siedlung Neufriedenheim wurde nach der Generalplanung von Bruno Biehler in drei Bauabschnitten von 1928 bis 1929 errichtet. Der große Anteil von 188 Einfamilienhäusern, die von weiteren 22 Münchner Architekten im Detail geplant wurden, fällt aus dem Rahmen der sonst üblichen Blockbebauung. Den dörflichen Charakter der Reihenhaussiedlung runden 11 Läden, eine Dorfgaststätte mit Wirtsgarten und Kegelbahn, ein Kindergarten mit Hort und eine erst 10 Jahre später erbaute Dorfkirche ab.

Die Kleinhaussiedlung wird mit einer viergeschossigen Zeilenrandbebauung von Roderich Fick an der Fürstenriederstraße und zweigeschossige Mehrfamilienhäuser von Alwin Seifert in geschwungenen Straßenzügen im Süden abgeschlossen.

Die kompakten Reihenhäuser von B. Biehler sind standardisiert, haben drei Wohnungsgrößen von 72, 84 und 100 m2 und jeweils einen kleinen Hausgarten mit einer Größe von 70 m2 bis 100 m2. Diese werden von einem befahrbaren Gartenweg zwischen den Häuserzeilen erschlossen. Auf die sonst übliche künstlerische Gestaltung der Einzelhäuser wird bis auf zwei Dorfbrunnen von Ruth Schaumann und Emil Epple verzichtet.

Die Straßen wurden mit 7 m bzw. 10 m Breite und den 3 m tiefen Vorgärten ebenfalls auf optimale Raumausnutzung geplant. Sie berücksichtigen den aufkommenden Autoverkehr und strukturieren durch Versetzungen der Häuserzeilen. Für Fahrräder waren im Vorraum jedes Hauses geeignete Flächen, für die damals wenigen PKW ein Garagenhof vorgesehen. Die Grundflächen sparten Platz, der einen Grünzug mit einem Spielplatz, der sich in Nord-Süd-Richtung durch die Siedlung zieht, ermöglichte. Kleine Grundstücke und optimale Nutzung des 65700 m2 großen Areals, das damals auf dem offenen Feld lag, sind wohl der Grund, dass bis heute eine Vermietung durch die GEWOFAG wirtschaftlich ist.

B. Biehlers kompakte Reihenhäuser mit glattem Putz und flachen Giebeldächern auf kleinen Grundflächen sind der klassischen Moderne mit wenigen Elementen aus dem Heimatstil zuzuordnen, eben der „Münchner Schule“. Sie muten wie Vorläufer der Nachkriegssiedlungen an und sind im Münchner Siedlungsbau der damaligen Zeit singulär.

Im Vergleich mit anderen zeitgleichen Projekten ist eine derart kompakte Reihenhausanlage aus der Zwischenkriegszeit nicht nur in München singulär. Spätere Siedlungen, wie z.B. die Ramersdorfer Mustersiedlung oder die Kleinhaussiedlungen im Dritten Reich, haben spitze Giebel und eine erheblich größere Grundstücksfläche, die für die Selbstversorgung geeignet war.

Die von R. Fick (D-1-62-000-1963) und A. Seifert (D-1-62-000-7430) geplanten Teile der Siedlung Neufriedenheim sowie die Dorfbrunnen (D-1-62-000-5712, D-1-62-000-11019) stehen längst unter Denkmalschutz. B. Biehlers Kleinhaussiedlung Neufriedenheim wurde auf Betreiben des Denkmalnetz Bayern kürzlich unter Ensembleschutz gestellt. Neben der architektonischen Gestaltung wird damit die bauliche Basis der bis heute bestens funktionierenden Dorfgemeinschaft geschützt.

Zum Weiterlesen:

  • Die Siedlungen der gemeinnützigen Wohnungsfürsorge AG München, München im Selbstverlag, 1928
  • Steffen Krämer: Das Münchner Wohnungsbauprogramm von 1928 bis 1930, in Billeter, Felix Günther, Antje, Krämer, Steffen (Hrsg.): Münchner Moderne : Kunst und Architektur der zwanziger Jahre, München 2002, S. 66-79
  • Ulrike Haerendel, Kulturgeschichtspfad 25 Laim, München, Landeshauptstadt München Kulturreferat Direktorium, 2009

GEWOFAG Siedlung Neufriedenheim - Fotos

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