verloren

Klinikkapelle des ehemaligen Kreiskrankenhauses in Kempten
Memminger Straße 52
87439 Kempten

Eingestellt von: Veronika Heilmannseder
Eingestellt am: 01.09.2013
Geändert am: 17.12.2014

Bayerische Denkmalliste: nicht eingetragen
Denkmal-Typ: nicht eingetragen

Klinikkapelle des ehemaligen Kreiskrankenhauses in Kempten

Abrissbirne gegen sakrales, gestalterisches und architektonisches Kunstwerk

2013: „Und dann dürfte alles, was nicht unter Denkmalschutz steht, der Abrissbirne zum Opfer fallen.“ (AZ, 04.01.2013, „Oase der Ruhe und des Friedens“ soll bleiben“)

2003: „Mit einem herzlichen „Vergelt's Gott“ dankte der Oberbürgermeister [Dr. Ulrich Netzer] dem Donator [Hans Wachter] und versprach, die Schenkung an einem würdigen Ort der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er wies auf den internationalen Rang des Künstlers hin […]. Vorbild für viele jüngere Künstler sei Wachter geworden, der in 85 Kirchen eine innovative und spektakuläre Neudefinition von Kunst im sakralen Raum geprägt habe.“ (AZ, 10.12.2003, „Feierstunde für Wachter“)

1972: „[D]er in Kempten ansässige und bekannte Bildhauer und Graphiker [hat] für die Kapelle des Kreiskrankenhauses […] einen Kreuzweg entworfen […], der sakrales Objekt und modernes Kunstwerk zugleich ist. […] Ambo und Sakramenthäuschen aus Bronze, dieses eingebaut in eine hohe Muschelkalksäule, Altartisch und steinerne Sitzbank, die zwölf Kerzenkonsolen an der rechten Kapellenwand und schließlich die in Beton ausgegossene, sorgsam durchmodellierte Emporenbrüstung, das alles sind weitere Zeugnisse erlesenen künstlerischen Geschmacks und großen handwerklichen Könnens“ (AZ, 20.01.1972, „Sakrales und Profanes aus Künstlerhand“)

Die Klinikkapelle des ehemaligen Kreiskrankenhauses und ihr Schicksal: Drei Artikel aus der lokalen Presse illustrieren, wie sich die Wertschätzung des gefeierten Künstlers Hans Wachter und seines Werks, darunter eben die Kapelle auf dem Klinikgelände an der Memminger Straße, innerhalb kurzer Zeit wandelten.

Dieses 1971/72 errichtete Bauwerk, architektonisch, künstlerisch wie sakral einzigartig, soll einer modernen Wohnbebauung weichen, die Arbeit des bis vor Kurzem hochgeschätzten Künstlers vernichtet werden. Was ist passiert?

Baugeschichte

Im Rahmen der baulichen Erweiterung des damaligen Kreiskrankenhauses (Memminger Straße 52) Anfang der 1970er Jahre wurde der Bildhauer Hans Wachter beauftragt, eine räumlich getrennt angelegte, künstlerisch hochwertige Klinikkapelle zu errichten. Architektonisch unterstützt durch Julius Kozel fertigte Wachter einen Entwurf und folgend eine bauliche Ausführung, die er bis ins Detail durchdacht und anspruchsvoll gestaltete.

Baugestaltung und Ausstattung

Das sakrale Gesamtkunstwerk vereint Baugestaltung und Ausstattung mit liturgischer wie theologischer Botschaft. In der äußeren Form durch die gerundete Außenwand wie das nach Süden hin ansteigende Dach an einen Schiffsbug, eine Arche erinnernd, nimmt vermittelnd ein rundum unter der Dachkante laufendes Band farbiger Glasfenster mit passenden figürlichen Elementen (Auge Gottes, Fische, Kreuz) die Thematik auf. Der Innenraum ist gemäß dieser Archesymbolik ruhig, schützend und hoffnungsspendend gestaltet. Die Anordnung wie Ausführung der Altarstufe wie der Priesterbank nehmen den Schwung der Gebäudestruktur auf, während die (bereits entfernten) Gemeindebänke und die Bodenplatten ihn widerspiegeln.

Der aus Muschelkalk gefertigte, monolithische Altartisch ist weit in den Raum, in die direkte Kommunikation mit der Gemeinde gerückt. Begleitet wird er dabei von einem bronzenen Lesepult und einer Sakramentensäule aus Bronze und Stein. Diese Gestaltung ist typisch für den Baustil nachkonziliarer Sakralbauten, der die Gemeinschaft der Gläubigen in den Mittelpunkt stellt.

Wachter schuf dabei jedoch eine symbiotische Verbindung zur traditionellen Kirchenarchitektur, indem er der neuen Ausdrucksform althergebrachte Elemente gegenüber stellte. Diese sind an der Westwand zwölf Apostelleuchter, an der Ostwand ein Kreuzweg aus Bronzereliefs, der genuin neuinterpretiert 15 Stationen zeigt und damit der Auferstehung Christi – welche in unmittelbarer Nähe zu Ort der Krankheit und des Leidens von fundamentaler Bedeutung ist – Raum gibt. Der Kreuzweg zeugt an sich bereits von der schöpferischen Gestaltungskraft Wachters, da er das Wesentliche der Stationen mit dreidimensionalem Effekt in die erhabenen Bronzeplatten eintreibt und so regelrecht greifbar macht.

Die gesüdete Ausrichtung der Kapelle stellt eine Ausnahme dar und richtet den gesamten Bau auf die Sonne, also das Licht der Welt aus. Im Inneren dechiffiriert die an der inneren Nordwand liegenden Orgelempore dieses Motiv, indem ihre Reliefverkleidung eine in den Raum ausgreifende Sonne zeigt.

Ebenso handwerklich anspruchsvoll gefertigt ist die frei hängende Kreuzesdarstellung über dem Altarblock. In das aus einem Stück Lindenholz gefertigte Kruzifix hat der Künstler den Korpus Christi vertieft liegend herausgeschnitten und ihn in die Balken modelliert statt aufgesetzt.

Die in die Griffe der Eingangstüren eingelassenen Emailarbeiten der Künstlerin Elisabeth Bunde referenzieren auf die dem Allgäu und Kempten verbundenen Heiligen Magnus, Lorenz, Hildegard und Elisabeth. Dagegen ebenfalls aus der Hans Wachters stammten die bereits entnommenen Altargeräte sowie eine jetzt verschollene Madonnenstatue aus Lindenholz.

Kosten, Lage und bisherige Nutzung des Baus

Die Gesamtkosten für den Bau der Klinikkapelle beliefen sich auf 450.000 DM.

Die Kapelle befindet sich hinter dem Gebäudekomplex des ehemaligen Kreiskrankenhauses an der Memminger Straße in Kempten und steht frei zwischen großen Bäumen in einem kleinen Park. Ihre ausdrucksstarke Gesamterscheinung erinnert dadurch umso mehr an den Architekten LeCorbusier, dem Wachter in der künstlerischen Durchdringung seines Werks nicht nachsteht. Bislang wurde sie ökumenisch genutzt und stand alles Konfessionen offen.

Der Künstler Hans Wachter und sein Werk

Der in Kempten lebende Hans Wachter (geboren 1931 in Waltenhofen, gestorben 2005 in Kempten) hatte nach einer Ausbildung zum Holz- und Steinbildhauer und einer Arbeitsperiode als Steinmetz ab 1954 an der Münchner Akademie der Bildenden Künste Bildhauerei studiert. Sein akademischer Lehrer war Professor Josef Henselmann, der als einer der wichtigen Wegbereiter für die Verbindung der traditionellen sakralen Kunst mit der Moderne gilt.

Wachter gestaltete in seiner Heimatstadt ab den 1960er Jahren zahlreiche Plastiken im öffentlichen (etwa Brunnen und Plätze) wie kirchlichen Raum. Eröffnet wurde der fruchtbare Reigen der vielgestaltigen Kunst-Stücke übrigens 1962 mit dem Kunstpreis der Stadt Kempten! Bekannt und geschätzt sind heute beispielsweise auch die Wachter'schen Arbeiten des Brunnens mit dem Entenhirten an der Kemptener Sing- und Musikschule, die Madonnenstatue am Brunnen vor der Seelenkapelle, der Panbrunnen im Atrium des Hildegardis-Gymnasiums wie die innere Gestaltung der Kirche St. Ulrich mit der monumentalen Christusstatue.

In Fischen, in Ottobeuren, in Sonthofen, in Memmingen hat Wachter mit hohem Anspruch gewirkt, aber etwa auch in Frankfurt am Main, in Berlin, in Jerusalem und sogar in Kalifornien (Belmont bei San Francisco, USA) gestalterische und bildnerische Spuren hinterlassen. Über 85 Kirchengestaltungen und zahllose Denkmäler verantwortete er. Im wahrsten Sinne des Wortes herausragend ist das von ihm und einem Partner gestaltete und ausgeführte Heimkehrer-Denkmal in Friedland, welches 28 Meter hoch in den Raum greift. Auch als Maler und Graphiker leistete Wachter Beachtliches. Allein das Werkverzeichnis seines Œuvres umfasst 24 Maschinenseiten.

Wachter ist der wichtigste moderne Allgäuer Künstler, der, wie Oberbürgermeister Netzer 2003 bemerkte (s.o.), „innovativ und spektakulär“ arbeitete.

Gefährdung

Nach der endgültigen Aufgabe des bisherigen Kreiskrankenhauses Kempten und dem Auszug der zuletzt dort stationierten Abteilungen in das Klinikum Kempten-Oberallgäu an der Robert-Weixler-Straße stellte der Zweckverband des Klinikums Gebäude und Gelände an der Memminger Straße zur Weiterverwertung frei. Das gesamte Grundstück wurde dabei in zwei Bereiche eingeteilt, von denen einer das denkmalgeschützte Gebäude des ehemaligen Distriktspitals entlang der Memminger Straße umfasst, während der andere Teil – neben einem stark umgebauten, aber denkmalgeschützten Waschhaus – Bauten jüngerer Zeit und eben die separat stehende Klinikkapelle umschließt. Den letztgenannten Teil gab die Stadt Kempten zur völligen Umgestaltung frei. Damit wurde für die Klinikkapelle neben den jüngeren Gebäuden der Abriss besiegelt, denn die Stadt Kempten erteilte für die Klinikkapelle eine Abbruchgenehmigung.

Die Klinikkapelle steht derzeit nicht auf der Denkmalliste. Die Nachqualifizierung dieser Liste aus dem Jahr 2012 erkannte – mangels Information oder Bemühen? – den Wert der Klinikkapelle nicht und ließ sie außen vor, obwohl eine andere Kirche mit dem selben baulichen Duktus und kunsthistorisch wesentlich ärmerer Ausstattung innerhalb Kemptens auf die Denkmalliste gesetzt wurde.

Das jetzige Nutzungskonzept für das Krankenhausareal an der Memminger Straße sieht vor, neben dem Bautenabriss einen parkähnlichen Bereich mit altem Baumbestand zu vernichten, um Platz zu gewinnen für eine Wohnbebauung gehobenen Standards unter ökonomisch höchster Ausreizung des Geländes. Zukünftiger Bauträger ist im Übrigen die sozialbau Kempten gGmbH, eine hundertprozentige Tochter der Stadt Kempten.

Eine Berichterstattung des TV-Senders TV Allgäu aus dem Innenraum der Kapelle wurde seitens des Klinikverbands, dessen Träger die Stadt Kempten ist, verboten (http://www.youtube.com/watch?v=Pu-HZzNMSpg&feature=c4-overview).

Das Landesamt für Denkmalpflege argumentiert, der Erhalt der Klinikkapelle lässt sich aus seiner Sicht nicht mit einem Interesse der Allgemeinheit begründen. Lediglich die Stadt Kempten, eben als Träger des Klinikverbands Kempten-Oberallgäu und damit Eigentümer, könnte den Abriss der Klinikkapelle verhindern.

Die Stadt Kempten hat jedoch bereits beschlossen, das Gelände dem zukünftigen Bauträger „altlastenfrei“ , so Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer, zu übergeben. Altlastenfrei bedeutet den Abbruch sämtlicher Gebäude inklusive der Klinikkapelle!

Verlust

Frühzeitig wurden wertvolle Ausstattungsgegenstände entfernt, sowohl liturgische Gefäße wie Kreuzdarstellungen. Daneben auch architektonisch relevantes Mobiliar, wie die zum Gesamtensemble passenden Kirchenbänke. Diese Gegenstände sind durch städtische Mitarbeiter entsorgt worden. Diese Maßnahme rief innerhalb der Grünen-Stadtratsfraktion massiven Protest hervor, wie eine Anfrage der Stadträtin Erna-Kathrein Groll an den Oberbürgermeister belegt.

Während dieser Aktion durch Mitarbeiter der Stadt Kempten wurden auch die geweihten Hostien aus dem Tabernakel geräumt und in einem Umzugskarton verstaut. Was für Katholiken ein Sakrileg ist, ist für den Oberbürgermeister „nicht optimal gelaufen“ (Kreisbote, Ausgabe Kempten, 19.07.2013, "Allgäuer GbR bekommt das alte Klinik-Gebäude").

Zwei öffentliche Petitionen forderten die Bewahrung der wertvollen Kapelle. Eine Online-Petition des Klinikseelsorgers Andreas Beutmüller und eine schriftliche des ödp-Stadtrats Michael Hofer. Dieser stellte auch an den damaligen Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer einen offiziellen Antrag auf Erhalt der Kapelle, über den am 12. September 2013 der Planungs- und Bauausschuss des Kemptener Stadtrats in einer öffentlichen Sitzung (voraussichtlich um 16 Uhr) entschieden hat.

Der damalige CSU-Stadtrat und jetzige Oberbürgermeister Thomas Kiechle würdigte die Klinikkapelle in der Sitzung als architektonisches, künsterlisches wie sakrales Kleinod. Daraufhin versprach OB Dr. Netzer, beim Abbruch des Gebäudes behutsam vorzugehen, Rücksicht auf seine Gegebenheit als Gotteshaus zu nehmen und kunsthistorisch einschlägige Bauteile zu transferieren.

Der Abbruch der Klinikkapelle erfolgte im Winter 2013/14. Eine Rettung wertvoller Bausubstanz wurde unterlassen.

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