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Gignoux-Haus in Augsburg

Was wird aus der Rokoko-Manufaktur?

Eingetragen von:
Gregor Nagler

Eingetragen am:Geändert am:
17.03.201614.01.2018
Bayerische Denkmalliste:Typ:
eingetragen Einzeldenkmal

Beschreibung:

Das so genannte Gignoux-Haus wurde 1764-65 im Auftrag von Georg Christoph Gleich als Wohnhaus und Kattunmanufaktur errichtet. Der Architekt des Gebäudes, Leonhard Christian Mayr, wurde später, 1770-71, auch von Johann Heinrich Schüle mit dem Bau seiner Kattunmanufaktur am Roten Tor beauftragt.

Gleich war durch Heirat mit Anna Barbara Gignoux in den Besitz der Gignoux´schen Kattunmanufaktur gekommen, trieb diese jedoch 1770 in den Konkurs. Anna Barbara führte danach den Betrieb weiter.

Das Gignoux-Haus liegt an einer platzartigen Situation an der Gasse Vorderer Lech. Das Gebäude gegenüber war seit 1782 ebenfalls im Besitz von Anna Barbara Gignoux und wurde vielleicht wiederum von Leonhard Christian Mayr umgebaut.

Das dreigeschossige Gignoux-Haus entstand über winkelförmigem Grundriss durch Zusammenfügung mehrerer älterer Gebäude. Mit seinem Mansardendach und der vielleicht von Franz Xaver Feichtmeier reich stuckierten Rokoko-Fassade stellt es architektonisch eine Ausnahmeerscheinung im alten Augsburger Handwerkerviertel dar. Nach dem Teilabbruch der Schüleschen Kattunfabrik handelt es sich um das bedeutendste Beispiel einer Augsburger Kattunmanufaktur aus reichsstädtischer Zeit. Zudem zählt die Architektur nach der des Schaezlerpalais zu den bedeutendsten Rokoko-Bauwerken der Stadt. Das Gignoux-Haus ist zum Teil über einem Kanal errichtet und damit ein hervorragendes Beispiel für die Nutzung der Energiequelle Wasser – eine Themenfeld, mit dem sich Augsburg als UNESCO-Weltkulturerbe-Stätte bewirbt.

Die alte Manufaktur wurde bald nach dem Tod von Anna Barbara Gignoux (1796) umgenutzt. 1822 zog die Gaststätte „Blaues Krügle“ ein, für die schließlich ein Tanz- und Aufführungsaal angebaut wurde. Am 10. Oktober 1945 fand hier die erste Aufführung des Augsburger Schauspielensembles statt. 

Gefährdung:

Bereits im Jahr 2000 äußerte die Hasenbräu AG (Eberhard Schaub) die Absicht, das Gignoux-Haus zu verkaufen. Sie nahm jedoch ihr Vorverkaufsrecht nicht war. 2002 bot Eberhard Schaub an, das Gignoux-Haus mitsamt dem Foyer und dem Theatersaal in einfacher Form zu sanieren, ein Vorhaben, das von Kulturbürgermeisterin Eva Leipprand gestützt wurde. Bedingung wäre ein mindestens siebenjähriger Mietvertrag gewesen, dem Intendant Ulrich Peters nicht zustimmen wollte; er pochte auf eine 3-jährige Interimslösung. Eva Leipprand verlängerte deshalb 2002 den Mietvertrag für das Schauspielhaus um die Sparte zu sichern. 2005 schließlich wollte Eberhard Schaub das Gignoux-Haus schlussendlich verkaufen. Mittlerweile war die Stadt wegen eines Bürgerbegehrens für eine neue Stadtbibliothek finanziell unter Druck. Sie ließ deshalb wiederum eine Möglichkeit zum Kauf des Gignoux-Hauses verstreichen, dies auf Empfehlung des Kämmerers Gerhard Ecker und des WBG Vorstands Edgar Mathe. Der stattdessen 2005 zum Zug gekommene Investor Kazim Capartas (KC Denkmalschutz GmbH/KC Holding) vermietete den Theatersaal weiterhin an die Kommune, führte die versprochene Sanierung jedoch nicht durch. Im Juli 2010 zog das Schauspiel wegen des mittlerweile prekären Bauzustandes aus. Die Kommune "übertrug" gleichzeitig der KC Denkmalschutz GmbH ein Zwischengebäude (bis dahin städtisch), gewährte eine Zufahrtsrecht über öffentlichen Grund und bezuschusste € 150.000, wohl um den Besitzer endlich zur Sanierung zu bewegen.

Diese wurde nicht angegangen, vermutlich weil die Stadt alle Druckmittel aus der Hand gegeben hatte. Nach dem Tod von Kazim Capartas 2012 erbte dessen minderjährige Tochter das Gebäude, der Bauunterhalt unterblieb weitgehend. Dennoch wurden die Wohnungen in den Obergeschossen sowie ein Restaurant im Erdgeschoss weiterhin genutzt. Im Frühjahr 2015 wurde das Gignoux-Haus verkauft, im Herbst kündigte der neue Besitzer den Mietern der Wohnungen während das Restaurant sich weiterhin im Erdgeschoss befand.

Es wurden ein Bauzaun errichtet und eine Entrümpelung durchgeführt. Über die Pläne des Investors ist jedoch bisher kaum etwas bekannt. 

Aktualisierung (17.12.2017): Das Gebäude wurde, wie nun aus der Presse (Augsburger Allgemeine vom 06.11.2017) bekannt ist, von der FE Immo Projekt GmbH (München) erworben. Am Gignoux-Haus fanden seit Oktober sichtbare Arbeiten statt: Offenbar wurde der Theatersaal (Komödie) abgebrochen. An der Straßenfassade sind Farbproben sichtbar. Laut AZ möchte der Investor jedoch nicht auf den barocken Farbbefund (sowie an der Schauseite sichtbar) zurückgreifen. In einer Bauausschusssitzung am 14.12.2017 kam ganz überraschend auch das Gignoux-Haus aufs Tablett. Baureferent Merkle begründete dies mit der Dringlichkeit (herunterfallende Gesimse).  Laut freundlicher Auskunft von Volker Schafitel war am Tag zuvor noch nicht bekannt, dass über das Gignoux-Haus abgestimmt werden sollte.

Stadtheimatpfleger Hubert Schulz vertrat auf der Sitzung Interessen des Investors gegen das Urteil der Unteren Denkmalschutzbehörde und das Landesamt für Denkmalpflege. Er legte gemeinsam mit dem Baureferenten dem Ausschuss nahe für folgende Veränderung zu stimmen: 

a) Den Ausbruch von Wänden aus dem 19. Jahrhundert um "den Zustand des 18. Jahrhunderts" wiederherzustellen.

Anmerkung: Es ist schlichtweg nicht möglich, den Zustand des 18. Jahrhunderts wiederherzustellen: Das Gignoux-Haus wurde als Manufaktur erbaut. Es befanden sich dort nur eine Wohnung und große Manufaktursäle. Im 19. Jahrhundert wurde das gesamte Raumgefüge einschließlich des heute noch erhaltenen Treppenhauses verändert. Elemente der Barockausstattung wurden in die neue Raumfolge eingebaut. Tatsächlich wird durch die innere Teilentkernung der gut erhaltene Bauzustand des 19. Jahrhunderts zerstört, ohne auch nur annähernd wieder den Zustand des 18. Jahrhunderts herzustellen. Grund für die Veränderungen dürfte der Wunsch des Investors sein, großzügigere Räume herzustellen. 

b) Die Veränderung der Hoffassade in  historisierender Form aber unter Anbau von Balkonen.

Anmerkung: Auch hier tritt das kommerzielle Interesse  des Investors zu Tage. Das Landesamt für Denkmalpflege hatte einen Balkon pro Wohneinheit empfohlen; genehmigt wurden zwei Balkone je Wohneinheit. 

Der  Bauausschuss stimmte für die genannten Veränderungen, gegen das Votum des Landesamtes für Denkmalpflege und des Bauordnungsamtes (mit der Unteren Denkmalschutzbehörde); Bauausschuss-Mitglied Volker Schafitel stimmte nicht mit. Dem Investor werden vermutlich finanzielle Beihilfen des Landesamtes gestrichen. Eine öffentliche Diskussion über den Vorschlag des Baureferenten und des Stadtheimatpflegers unterblieb, obgleich Denkmalschutz im allgemeinen Interessenbereich liegt. Im Ausschuss wurde ebenfalls nicht diskutiert bis auf einen kurzen Schlagabtausch, bei dem Volker Schafitel für den Erhalt der Innenräume aus dem 19. Jahrhundert mit ihrer Ausgestaltung plädierte. 

An der Sanierung beteiligte Architekten:

Wolfram Keller (Augsburg/Buchloe)

Adresse

Vorderer Lech 8
86150 Augsburg

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