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aviso-Sonderheft zeigt Wege in die denkmalpflegerische Zukunft auf

20.02.2014: Ein wegweisendes Sonderheft der Zeitschrift „aviso“ zum Abschluss des Jubiläumsjahres „40 Jahre Bayerisches Denkmalschutzgesetz“ – das ist das Geschenk des bayerischen Kultus- und Wissenschaftsministeriums zum Geburtstag des grundlegenden Rechtstextes. Das Heft ist mehr als Rückblick und Zustandsbeschreibung. Viele Autoren betonen zu Recht die Erfolge des Denkmalschutzgesetzes. Doch sie benennen auch klar die Probleme der Gegenwart. Und zeigen Wege in eine denkmalpflegerische Zukunft auf.

Wolfgang Eberl, einst im Kultusministerium für das Denkmalschutzgesetz zuständig, spricht klar aus, dass das Bewusstsein für die Bedeutung des kulturellen Erbes „mancherorts in bedrohlichem Schwinden“ ist. Und Erich Schosser, parlamentarischer Vater des Denkmalschutzgesetzes, kritisierte in dem noch kurz vor seinem Tod entstandenen Text die anhaltende Misere bei den Fördermitteln.
 
Der 2013 in den Ruhestand gegangene Generalkonservator Egon Johannes Greipl wirft einen ernüchterten Blick zurück auf seine Amtszeit, deren Anfang „vom Geist der Ära Stoiber“ durchweht gewesen sei. „Deregulierung des Denkmalschutzrechts, die Optimierung der Verwaltungsabläufe und die Einsparung von Personal“ waren die Forderungen des Ministerrats, mit denen er sich unmittelbar beim Amtsantritt 1999 konfrontiert sah. Dabei attestiert er den von der Staatsregierung vorgenommenen Analysen deutliche Mängel. Weder die für den Vollzug im Land so wichtigen Unteren Denkmalschutzbehörden, noch die Rolle der Kommunen und der Politik seien ernsthaft berücksichtigt worden. Auch die Frage nach den denkmalpflegerischen Maßstäben und nach der Einheitlichkeit des praktischen Vollzugs seien kaum von Belang gewesen. Trotz aktiver Reformbereitschaft musste sich Greipl in seinen Hoffnungen enttäuscht sehen. Die Zuschüsse sanken weiter, Stellen mussten abgebaut und Dienststellen geschlossen werden. Schließlich plante die CSU-Landtagsmehrheit sogar einen Gesetzentwurf, der die Ausschaltung des Landesamts für Denkmalpflege bedeutet hätte. Er musste erst durch den Bayerischen Verfassungsgerichtshof gestoppt werden.
 
Es brauche einen neuen Anfang, schreibt Greipl der Denkmalpflege ins Stammbuch: „im Verhältnis der Politik zum historischen Erbe und dessen ‚Anwälten‘“. Genau hierfür enthält das Heft eine Reihe von kräftigen Impulsen. So macht die Züricher Lehrstuhlinhaberin Uta Hassler konkrete Vorschläge, wie eine „Baupolitik werterhaltenden Wirtschaftens“ aussehen könnte - für einen nachhaltigeren Umgang mit gebauter Substanz, auch weit über die denkmalgeschützten Objekte hinaus. Die Bürgermeister der Städte Kelheim und Wasserburg am Inn bekennen sich zur Verantwortung der Kommunen für ihren eigenen Denkmalbesitz und zum Instrument der Erhaltungssatzung, die zusätzlich zum Denkmalrecht die Erhaltung des Charakters der Altstadt unterstützt.
 
Brigit Angerer stellt den Arbeitskreis „Heimat, deine Bauten“ vor und führt – ebenso wie Oberbayerns Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler – vor Augen, dass von den Freilandmuseen heutzutage Impulse für die Rettung der überlieferten Baukultur in der Region ausgehen können und müssen. Schließlich zeigen mehrere Beiträge, darunter auch jener von Denkmalnetzsprecher Johannes Haslauer, welche Kräfte die Bürgerschaft für denkmalpflegerische Anliegen aufzubringen bereit und in der Lage ist.
 
Um die qualitätvolle Ausführung von Sanierungen zu sichern, plädiert Wolfgang Lösche von der Handwerkskammer für München und Oberbayern für die Schaffung einer qualifizierten Weiterbildungseinrichtung für die Handwerker. Und Erwin Emmerling, Inhaber des Lehrstuhls für Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft an der TU München, rückt unmissverständlich die oftmals angewendete denkmalpflegerische Forderung nach dem „unveränderten“ Erhalt des Originalzustands zurecht – wohlgemerkt im Interesse der Denkmalpflege. So gut wie immer und ebenso zwangsläufig geht die Restaurierung und Instandhaltung von Denkmälern mit Veränderungen an Aussehen und Substanz einher, selbst wenn der Erhalt des Kunst- und Denkmalwertes oberstes Ziel ist. Dies müsse aus Gründen der Glaubwürdigkeit als Bestandteil der Denkmalpflege aktiv kommuniziert und diskutiert werden. Ein wichtiger Beitrag also auch in der Frage nach der Bedeutung der überlieferten Substanz bei der Einschätzung der Denkmalwürdigkeit.
 
Neben all den grundsätzlichen und methodischen Überlegungen zeigen die Beiträge anhand vieler Beispiele ein weiteres Mal, wie unheimlich attraktiv sich Bayerns Denkmäler nutzen lassen – ob als kreative „Kultur-Fabriken“, einzigartige Wohnhäuser oder lebendige Gaststätten. Und dass aus den als „Schandflecken“ oder „hässlichen Kästen“ gescholtenen Erbstücken nach Renovierungen funkelnde Diamanten werden – viel zu schade zur Preisgabe.
 
Das aviso-Heft ist ein Markstein an einem Wendepunkt der bayerischen Denkmalpflege. Bayerns gebautes Erbe steht vor existenziellen Bedrohungen. Sie erinnern an die Zeiten, als mit dem Gesetz dem weiteren Ausverkauf endlich ein wirksamer Riegel vorgeschoben werden konnte. Bayern braucht wieder solch einen großen Schritt. Eine Denkmalpflege reloaded. Denkmalpflege, die wieder ankommt und funktioniert. Instrumente und Ideen sind vorhanden, wie das Heft eindrucksvoll beweist.
 
Ausgaben des neuen aviso extra „40 Jahre Denkmalschutzgesetz“ können – solange der Vorrat reicht –  an den Pforten des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst (Salvatorstraße 2 und Salvatorplatz 2, 80333 München) kostenlos abgeholt werden.
 
Außerhalb Münchens unter folgender Adresse kostenlos bestellen per Mail: silvia.bachmair@stmbw.bayern.de

Veröffentlicht am: 20.02.2014