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"Die Abrissbirne regiert. Bayern schleift seine Denkmäler" – Bayern 2

„Denkmäler haben eine hohe kulturpolitische Bedeutung für die Identität unseres Landes“, so hört man Kultus- und Wissenschaftsminister Ludwig Spänle zu Beginn des Beitrags sprechen. Doch was bleibt von solchen politischen Lippenbekenntnissen in der Realität übrig? Die BR-Sendung „Zeit für Bayern“ stellte kürzlich in dem Feature "Die Abrissbrine regiert. Bayern schleift seine Denkmäler" aktuelle Fälle vor, wie in Bayern mit Denkmälern umgegangen wird.

In Mühldorf zum Beispiel, der Stadt am Inn, die stolz mit ihrem „schönen Stadtplatz“ wirbt, wurde jüngst die alte Musikschule am Stadtplatz abgerissen. H&M durfte direkt an die Stadtmauer einen Neubau hinsetzen. Obwohl viele Bürger den „grünen Klotz“ als Verlust für das Stadtbild empfinden, soll jetzt auch noch ein zweites Haus für eine C&A Filiale weichen: das alte Schulhaus aus dem 19. Jahrhundert, inzwischen genutzt als städtischer Kindergarten. Dieses Gebäude ist nicht nur von emotionalem Wert für viele Mühldorfer, die dort ihre eigene Schul- oder Kindergartenzeit verbracht haben. Es enthält sogar Reste eines Kapuzinerklosters aus dem 17. Jahrhundert. Ziel der Kommune ist es, Konsumenten in den Stadtkern zu holen, um die Altstadt zu beleben. Ein wichtiges Anliegen, doch warum für diesen Zweck denkmalgeschützte Gebäude Neubauten weichen müssen, bleibt unklar. Bernd Vollmar vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege sieht den Fall exemplarisch: Mühldorf ist überall.

So lernt man in der Sendung viele ähnliche Beispiele kennen. Vom Moserbräu in Landshut bis zu den einzigartigen großen Jurahäusern in Dietfurt - wohin man blickt, gefährdete oder schon verlorene Denkmäler. Offenbar regiert in Bayern zur Zeit die Abrissbirne. Dieser Zustand wird nicht von allen hingenommen. An vielen Orten schließen sich engagierte BürgerInnen in Initiativen zum Denkmalschutz zusammen, wie die Altstadtfreunde Landshut, der Jurahausverein und viele andere. Auch sie kommen in der Sendung zu Wort. Sie beklagen, dass Denkmalschutz immer mehr zur Privatangelegenheit weniger Interessierter wird, die mit viel Geld- und Zeitaufwand die Aufgabe übernehmen, die eigentlich Staat und Kommunen zukommt.
 
Wie groß ist also das Interesse der Gesellschaft am Erhalt ihrer Denkmäler noch? Dieser Frage geht der Beitrag anhand von Beispielen kritisch nach. Denkmalfreunde stoßen immer wieder auf unbekehrbare Hausbesitzer, auf Menschen ohne Gespür für die Bedeutung von Denkmälern, voller Abneigung gegen das „alte G’lump“. Eva Martiny, Vorsitzende des Jurahausvereins, erzählt die traurige Geschichte eines alten Jurahauses, für das jede Hilfe zu spät kam. Die Bewohner des Ortes waren über den Abriss dieses Denkmals nicht empört, nicht einmal traurig, sondern beobachteten die Entwicklung voll „heimlicher Freude“: Endlich ist der Schandfleck aus dem Dorf. Private und auch öffentliche Träger lassen Denkmäler in ihrem Besitz oftmals so lange verfallen, bis tatsächlich eine Sanierung nicht mehr in Frage kommt. Beispielhaft dafür ist der geschilderte Fall eines Einzeldenkmals in Privatbesitz, bei dem kürzlich - vollkommen unabsichtlich, wie der sanierungsunwillige Besitzer beim Interview betont -  eine ganze Hausecke herausgebrochen ist, weil bei Bodenverdichtungsarbeiten auf einer Baustelle nebenan der vorgeschriebene Mindestabstand zum Denkmal nicht eingehalten wurde. Denkmalschutz und Denkmalschützer haben da einen schweren Stand, vor allem natürlich, weil nach wie vor viel zu wenig Geld für die Unterstützung von sanierungswilligen Denkmaleigentümern zur Verfügung gestellt wird.
 
Der Beitrag zeigt deutlich die Herausforderung auf, vor der Denkmalschutz heute steht: Es reicht nicht, Interesse und Unterstützung bei einigen wenigen Privatleuten zu wecken. Denkmalschutz muss wieder stärker gesellschaftlicher Konsens werden, braucht ein besseres Image. Die Kräfte reichen bisher nur aus, dem Trend „Abrissbirne“ punktuell entgegenzuarbeiten, wie gelungene Beispiele geretteter und sanierter Denkmäler zeigen. Wenn aber auf lange Sicht Hauslandschaften, Stadtensembles und Einzelbaudenkmäler erhalten bleiben sollen, muss ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden. Nur wenn das Geschichtsbewusstsein gestärkt, Wertschätzung für Tradition erhöht und ästhetisches Empfinden verstärkt geschult wird, nur wenn auch tragfähige und überzeugende Argumente für die wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit von Denkmälern verinnerlicht werden und nur, wenn genügend finanzielle Mittel bereitgestellt und realistische Sanierungskonzepte und -kompromisse gefunden werden, hat der Denkmalschutz eine Chance.
 
Die Abrissbrine regiert. Bayern schleift seine Denkmäler
Eine Sendung von Thomas Muggenthaler
09.03.2014
Bayern2

Sprecher: Peter Weiß und Gabi Hinterstoisser

Ton: Daniela Rüder
Redaktion: Gerald Huber
 
Die Sendung kann hier in der Mediathek des BR nachgehört werden.

Veröffentlicht am: 09.03.2013