Patentrezept oder die wundersame Wandlung eines Gründerzeit-Hauses: Gerüst gestellt, Naturstein-Elemente entfernt, Plastikhaut montiert

Kommentar: „Warum alte Häuser die Umwelt verpesten“,

Eingetragen von: Sprecher des Denkmalnetzes
Veröffentlicht am: 10.05.2021

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/klimaschutz-gebaeudesanierung-studie-1.5284228

„Warum alte Häuser die Umwelt verpesten“, der Presseartikel beschäftigt sich mit der schlechten Energiebilanz von Wohnbauten der Zeit um 1900 und der 1950er bis 1970er Jahre. Als Grundlage dient die Studie eines privatwirtschaftlichen Umweltforschungsinstitutes. Danach geht von ca. 30% der bundesdeutschen Wohnflächen weiterhin erhebliche Treibhausgas-Emissionen aus. Zur Reduzierung dieses CO2-Ausstoßes wird nun allenthalben und vor allem von der Parteipolitik, ein Sofortprogramm zum Wohle energetischer Sanierungen dieses Gebäudebestandes gefordert. Das bedeute, neben der Erneuerung von Heizungsanlagen, an erster Stelle eine finanzielle Unterstützung von „gedämmten Fassaden“.

 

Dazu ein Kommentar des DNB:

„Das gute Gefühl, wenn der Schmerz weg ist“, so oder ähnlich wird für ein hinlänglich bekanntes Schmerzmittel geworben, das mitunter als Allheilmittel angesehen wird. Das ist es natürlich nicht. Auch hier sind die Nebenwirkungen zu beachten. Ähnlich verhält es sich bei der Zielsetzung der Klimaneutralität im Gebäudebestand. Auch wenn der Wunsch nach einem Patentrezept für energetischen Verbesserungen namentlich von Wohnbauten sehr verständlich ist: So einfach und letztlich unbedarft, wie es der Presseartikel suggeriert, funktioniert es eben leider nicht. Das beginnt mit dem Zauberwort „Sanierung“, das ja wohl „Heilung“ vorgeben soll. Ist die Fassade gedämmt, macht sich das „gute Gefühl“ breit, wohl auch wegen der nun reduzierten Energiekosten. Wie lange der „Schmerz“ allerdings wegbleibt, wird sich zeigen.

Zunächst ist verwundert festzustellen, dass einmalmehr das Rad neu erfunden werden soll. Denn die Debatte ist so neu nicht, offensichtlich sind gebetsmühlenartige Erinnerungen aber unumgänglich. (vgl. Matthias Oden, Claus Hecking, Hubert Beyerle und Nikolai Fichtner: “Verdämmt und zugeklebt“, in: Capital, 2/2013 [Verdämmt und zugeklebt: Wie sich die Styropor-Lobby die Politik untertan gemacht hat – Total Global (total-global.info)] oder Bernd Vollmar: Denkmalpflege und Energieeffizienz – eine nicht ausschließlich denkmalfachliche Betrachtung des Themas. Denkmalpflege und energetische Ertüchtigung, in: Denkmalpflege Informationen 146, 2010, S. 6–10, pdf s.u.).

Bautechnisch betrachtet, kann eine „Sanierung“ durch Dämmung durchaus, und manchmal auch nach relativ kurzer Zeit erkennbar, Bauschäden vorprogrammieren. Abgesehen von einen „Klimawandel“, der mitunter im Wohnumfeld auch durch vermeintlich „bessere Fenster“ entsteht, zeigen die „renovierten“ Fassaden dann anhaftende Verschmutzungen oder Algenbelag, weil die Imprägnierungen der Putze ihre Dienste quittiert haben und zu Bodenbelastungen mutiert sind. Nicht zu reden von den Höhlenbrütern die sich gerne in Dämm-Materialien einnisten.

Man darf derartige Argumente gerne als Randerscheinungen im Bemühen um Klimaneutralität im Gebäudebestand ansehen. Nicht aber die hier einmal mehr bewusst oder unbewusst vernachlässigten Themen. Nämlich, welche Emissionsbelastung allein die Herstellung oder der Transport der Dämmstoffe, nebst Begleitmaterialen zur Befestigung, Klebstoffe, Putze oder Anstriche, beinhaltet. Ferner, welchen Rohstoffpotenzials es der Herstellungsprozesse bedarf. Da es sich im Wesentlichen um Kunststoffe handelt, sind u.a. Erdöl-Ressourcen betroffen und bereits aktuell kommt das Entsorgungsproblem der Dämmstoffe hinzu. Thermische Entsorgung, ebenso wie Wiederverwendung und Wiederverarbeitung ohne Emissionen?

Warum erfasst, mitsamt der politischen Mandatsträger*innen jeglicher Couleur, niemand die Gesamtbilanz. Auch fragt niemand, nach den spezifisch notwendigen Maßnahmen des Einzelfalls. Genügt mitunter schon die haustechnische Erneuerung? Stellen Außenwände, etwa bei den im Artikel angesprochenen Gründerzeitbauten, tatsächlich und immer die energetischen Schwachpunkte dar? Müssen historische oder auch moderne Holzfenster ungeprüft gegen Kunststoff-Fenster ausgetauscht werden, die wiederum in der Herstellung und in der irgendwann notwendigen Entsorgung emissionsbelastet sind? Warum werden bestehende Fenster eher selten repariert oder durch Zusatzkonstruktionen (z.B. Innenfester) verbessert. Wie steht es eigentlich mit dem, oft leichtfertig aufgegeben, erneuerten Energiepotenzial. Die Rede ist hier von der sog. grauen Energie (die besser, wenn nicht „goldene“, dann doch schlicht als „vorhandene“ Energie bezeichnet werden sollte). Richtig, diese Ressource ist wenig präzis zu beziffern. Aber benennbar wären der Energieaufwand bzw. die Umweltbelastung der eben nicht zum Einsatz gekommen Neumaterialien. Und dann wäre noch das Nutzerverhalten in Betracht zu ziehen. Stichwort: T-Shirt oder Pullover. Dank Pandemie liegt lüften zunehmend im Trend, aber die Frage nach der subjektiv-idealen Raumtemperatur im Verhältnis zu Wärmeverlusten findet kaum Berücksichtigung. Ganz nebenbei, sozusagen als positive Nebenwirkung, könnte sich ein allgemeiner Effekt für den Lebensraum der gebauten Umwelt und deren Erscheinungsbild einstellen: Eine Reduzierung der uniformen Dämmstoff-Ästhetik der Fassaden.

Wohlgemerkt: Energetisch Maßnahmen sind sinnvoll und notwendig. Das gilt selbstredend auch bei den Ausnahmen für „Baudenkmäler und sonstige besonders erhaltenswerte Bausubstanz“ nach § 105, Gebäudeenergiegesetz (GEG, früher EneV). Aber, der notwendige Maßnahmenumfang kann nicht pauschal, eben mit dem Allheilmittel „Dämmung“ erfüllt werden, sondern durch eine Einzelfallbeurteilung. Und nochmals richtig: Patenrezepte zu vermeiden, nachzudenken, zu prüfen und abwägen kann mühsam sein. Oder mit polemischen Worten: Zugunsten einer ganzheitlich gedachten Emissionsreduzierung und dauerhafter, „nachhaltiger“ Maßnahmen gilt es das, im Presseartikel – von vornherein – propagierte „Wohnen in der Plastiktüte“ zunächst einmal zumindest zu hinterfragen.

Weit entfernt jeglicher Verschwörungstheorie, drängt sich manchmal doch die Frage auf, ob der Auftritt des sympathischen ehemaligen TV-Moderators weniger vom Klimawandel als von den Werbeeinnahmen geleitet ist. Oder ob es der Dämmindustrie (und nicht nur dieser) gelungen sein könnte, eine ausgesprochen weitreichende Interessen-Lobby aufzubauen. Das gute Gefühl mag sich hier nicht einstellen. Und noch eine Schlussbemerkung: Nicht die alten Häuser „verpesten“ die Umwelt, sondern Menschen, die sie besitzen und nutzen.

Vgl. auch Die Diskussion um die Lockerung der Passauer Gestaltungssatzung hält an: | Aktuelles | Denkmalnetz Bayern