Bodenfunde in Straubing, Niederbayern Verloren

"Wie gewonnen, so zerronnen – der Straubinger Schatzfund"

94135 Straubing

Eingetragen von:
Dr. Dieter Martin

Eingetragen am:
04.10.2017
Geändert am:
04.10.2017
Bayerische Denkmalliste:
eingetragen

Unter dem 31. August 2017 berichtet Katharina Schmid in der Süddeutschen Zeitung in ihrer Serie: Schauplätze, Folge 10, über Schatzsuche in der Baugrube über den berühmten Straubinger Römerschatz als einen der bedeutendsten Funde dieser Art.

Auszug: „Als Arbeiter im Oktober 1950 einen Kupferkessel finden, ahnen sie nicht, dass er römische Paraderüstungen, Götterstatuetten und Waffen birgt. Entsprechend unprofessionell wird er ausgegraben. … Nach Norden hin eine Garagenreihe, im Süden gelbe Wohnblöcke aus den Fünfzigerjahren. … Ein Ort, der unscheinbarer kaum sein könnte. … "Da haben sie damals die Kläranlage ausgehoben. Zehn mal zehn Meter war die Grube hier vielleicht groß" … "Und da ungefähr muss der Schatz gewesen sein." Jener Schatz, der Straubing oder besser Sorviodurum, zu weltweiter Prominenz verholfen hat: der Straubinger Römerschatz, die größte Sammlung römischer Paraderüstungen, die je auf einmal gefunden wurde.

Bei Aushubarbeiten für eine Kläranlage in einem Neubaugebiet in Alburg, das heute zu Straubing gehört, waren Bauarbeiter am 27. Oktober 1950 auf einen Gegenstand aus Kupfer gestoßen: "In unbezwinglicher Neugierde, was wohl in dem Kessel enthalten sei, schlug man mit der Spitzhacke ein Loch hinein, und als man Bronzegegenstände darin erspähte, holte man eine Blechschere und erweiterte die Öffnung. Dann wurde fast der ganze Inhalt des Kessels herausgezerrt, wobei natürlich viele und zum Teil recht empfindliche Beschädigungen an den Gegenständen angerichtet wurden", beschreibt Josef Keim, der damalige Leiter des Historischen Vereins, in seinem Fundbericht recht anschaulich, wie es auf der Baustelle zuging. Erst, als schon ein Großteil des Fundes in einem Korb beim damaligen Bauunternehmer lag, wurde ein Archäologe verständigt, der sich darum kümmerte, dass wenigstens der Rest des Schatzes ordentlich geborgen wurde. "Aus heutiger Sicht hat man alles falsch gemacht", sagt Günther Moosbauer, Professor für provinzialrömische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter des Straubinger Gäubodenmuseums.

Hans Vicari erinnert sich gut an die Fundtage. … Mehrere Tage lang fuhr er zur Baustelle hinaus und als die Lokalzeitung über den Fund berichtet hatte, kamen immer mehr Leute. Zum Schauen und Suchen. Mit einem Holzstecken stocherte der zwölfjährige Hans im Dreck, in der Hoffnung "noch was zu finden von dem Schatz". Gefunden hat er nichts. Andere Straubinger schon, wie vermutet wird. Mehrere Sockel ohne die dazugehörigen Statuetten sind heute in Besitz des Gäubodenmuseums; es wird vermutet, dass die Götterfiguren vielleicht noch auf dem Dachboden des einen oder anderen Straubinger Hauses liegen.

Wer den Schatz Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus vergraben hat, das ist bis heute nicht restlos geklärt. Möglicherweise könnte ein findiger Römer den Kessel samt Inhalt in der Nähe eines römischen Landhauses vergraben haben, um ihn vor den einfallenden Alemannen zu verstecken. Als wahrscheinlicher jedoch gilt die Theorie, dass plündernde Germanen ihre Beute am Fundort eingegraben haben, um sie für eine Weile dort zu verwahren. Sieben bronzene, teilweise vergoldete Gesichtsmasken von Paradehelmen hellenistischer und orientalischer Art lagen in dem Kupferkessel, kunstvoll verzierte Beinschienen und Rossstirne, fein gearbeitete Götterstatuetten, allerlei Werkzeug und Waffen. Vieles besonders gut erhalten, weil der Kessel umgestürzt vergraben worden war, um die Gegenstände vor dem Druck der Erde zu schützen.

Wie bedeutend der Fund vom 27. Oktober 1950 war, dürfte den meisten Straubingern erst Jahre später bewusst geworden sein. In den Nachkriegsjahren sei das Interesse an dem "alten Zeug" gering gewesen, erinnert sich Vicari. … Es sei eine andere Zeit gewesen, sagt Vicari, als er 67 Jahre später am Fundort von damals über den Parkplatz schaut. Nichts erinnert an den Fund von 1950, deshalb wünscht er sich eines ganz dringlich: "Da gehört ein Taferl her!" Ein Hinweisschild am Fundort des Schatzes würde gut tun. Heute wissen nicht einmal die Anwohner des Alburger Hochwegs, mit denen Vicari auf dem Parkplatz spricht, über welchen Schauplatz bayerischer Geschichte sie hier tagtäglich laufen.

Link:

http://www.sueddeutsche.de/bayern/sz-serie-schauplaetze-folge-schatzsuche-in-der-baugrube-1.3647666

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In Straubing/Alburg sind folgende Bodendenkmäler im Denkmalatlas eingetragen:

Denkmalnummer D-2-7141-0016 Straubing, Alburg, Siedlung der römischen Kaiserzeit (wohl Villa rustica). Das Benehmen der Stadt zur Eintragung ist noch nicht hergestellt.

Denkmalnummer D-2-7141-0039 Straubing, Alburg, Siedlung vor- und frühgeschichtlicher Zeitstellung, u.a. der Münchshöfener und der Altheimer Kultur, der späten Latènezeit, der römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit. Bestattungsplatz vor- und frühgeschichtlicher Zeitstellung, u.a. der Schnurkeramik und der Hallstattzeit.

In der Denkmalliste findet sich keinerlei Hinweis auf den Fundort des Römerschatzes. Dies entspricht der Intention der staatlichen Denkmalpflege, keine unnötigen Hinweise auf Bodendenkmäler zu veröffentlichen, die Unbefugte und Raubgräber zu ungenehmigten Nachforschungen animieren könnten.

Literatur und Links

Der Straubinger Römerschatz wird im Straubinger Gäubodenmuseum präsentiert:

„Durch die seit 1898 durchgeführten Grabungen des örtlichen Historischen Vereins, vor allem aber durch die seit 1976 jährlich stattfindenden großflächigen Grabungen der Stadtarchäologie sind wir über die Geschichte Straubings während der Römerzeit vergleichsweise gut informiert. Die Funde aller Grabungen verblieben im Gäubodenmuseum, das dadurch über einen hervorragenden Bestand an römischen Exponaten verfügt. Glanzstück der Sammlung ist der im Herbst 1950 entdeckte römische Schatzfund von Straubing. Seine Gesichtshelme, Beinschienen und Rossstirnen bilden auch heute noch den größten bekannten Komplex römischer Paraderüstungen.“

http://www.gaeubodenmuseum.de/

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Bericht der Mittelbayerischen Zeitung vom 4.1.2013

http://www.mittelbayerische.de/bayern/museum/der-kostbare-schatz-der-roemer-21709-art866053.html

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Literaturhinweise

Klumbach Hans und Keim Josef, Der römische Schatzfund von Straubing, 3. Auflage 1978

Fleischer, R., Zum römischen Schatzfund von Straubing. 1961

Prammer, Johannes, Das römische Straubing. Ausgrabungen, Schatzfund. Gäubodenmuseum. 1989

Johannes Prammer/ Günther Moosbauer, Die Römerabteilung des Gäubodenmuseums Straubing, Museen in Bayern

Landesamt für Denkmalpflege, Arbeitsheft 17 Schätze aus Bayerns Erde, 1983

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Bewertung des Denkmalnetzes

Der Straubinger Schatz ist natürlich nicht verloren, er wird im Museum in Straubing verwahrt. Verloren ist der Fundzusammenhang des Straubinger Fundes – das teilt er mit den meisten Fundstellen von Bodendenkmälern. Denn nur in wenigen Fällen können Bodendenkmäler in situ erhalten werden. Denkmalrechtlich ist der Fund heute als bewegliches Bodendenkmal einzustufen. Der Schatzfund ist aber nicht als bewegliches Denkmal in die Denkmalliste eingetragen.

Das Denkmalnetz Bayern bedauert generell den desolaten Zustand der Rechtslage der Bodendenkmäler im Bayerischen Denkmalschutzgesetz. Es wird künftig verstärkt über die bayerische Bodendenkmalpflege berichten.

Dieter Martin

Weitere Informationen: Hinweis auf Fotos auf der Website des Gäubodenmusums in Straubing und in den verlinkten Zeitungsberichten.

Verlust

Am Beispiel des berühmten Straubinger Schatzfundes lässt sich die Problematik des Fundes von Bodendenkmälern zeigen. Jeden Tag werden zufällig oder nach gezielter genehmigter oder gesetzeswidriger Suche Bodendenkmäler oder „Schätze“ entdeckt. Die Bodendenkmäler sind im Bayerischen Denkmalschutzgesetz stiefmütterlich behandelt. Es gibt zwar den sog. anthropozentrischen Denkmalbegriff, der darauf abstellt, dass die gefundene Sache von Menschen geschaffen sein muss; dies schließt menschliche und tierische Skelette ebenso aus wie Erdformationen. Nicht erfasst werden also z.B. Höhlen, ein Ötzi oder die Archäopterixe. Ausgeschlossen sind auch die Millionen von sorgsam archivierten Scherben, denen keine eigenständige wissenschaftliche Bedeutung zukommt. Wesentlich ist für alle diese Gegenstände, dass sie solange Bodendenkmal sein können, wie sie sich in einem wissenschaftlich interessanten Fundzusammenhang befinden, z.B. also menschliche Skelette im Zusammenhang einer Bestattung, diese wiederum in ihrem Gräberfeld. Wird der Fundzusammenhang z.B. durch Grabung und Bergung der Funde aufgelöst, wird sozusagen automatisch das Bodendenkmal in situ zerstört, die weniger bedeutenden Fundstücke verlieren ihre Denkmaleigenschaft. Dies hat Auswirkungen auf die Bewertung des Straubinger Schatzfundes, der hier für eine Vielzahl von Beispielen aus ganz Bayern steht.

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