Die Spitze des Eisbergs

Eingestellt von: Hanns-Erik Endres
Eingestellt am 10.08.2022
Geändert am 19.08.2022

Die Spitze des Eisbergs

Einladung zu Ausstellungsbesuchen im Umfeld von 50 Jahre Olympia 72

Vor 50 Jahren fanden die Olympischen Spiele in München statt und deren Architektur wird gefeiert. Zu Recht, denn die Bauten sind inzwischen zu Ikonen der Nachkriegsarchitektur geworden, werden nach wie vor genutzt und das Olympische Dorf ist inzwischen eine beliebte Wohngegend. Kurzum, die Olympia-Architektur ist in München angekommen, auch wenn es während der Bauzeit durchaus Bedenken gab. Natürlich steht das Olympiagelände inzwischen unter Denkmalschutz.

Zu den Olympischen Spielen 1972 haben sich derart viele innovative architektonische, gestalterische und auch gesellschaftliche Zeitströmungen zu einem neuen Ganzen vereinigt, dass der Verein ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalpflege) und die Stadt München 2021 eine Tagung „Das moderne Erbe der Olympischen Spiele - Historische Sportstätten zwischen Konservierung und Konversion“ abhielten, letztlich auch angeregt durch den 2016 gegründeten Verein "Aktion Welterbe Olympiapark e.V." und dem Europäischen Kulturerbejahr „Sharing Heritage“ 2018. Den Tagungsband zu lesen, ist auf jeden Fall empfehlenswert.

Das Konzept für Olympia 1972 ist nicht im „luftleeren“ Raum entstanden. Die einzigartige gestalterische wie auch gesellschaftliche Planung basiert auf den verschiedensten Entwicklungslinien architektonischer, gesellschaftlicher und gestalterische Art und fasst diese verschiedenen Narrative der Nachkriegszeit und deren Reaktion auf das Dritte Reich zusammen. Winfried Nerdinger schreibt, dass sich „noch die Zeltkonstruktion der Münchner Olympiabauten antithetisch auf das massive Berliner Stadion von 1936 bezog“ (in "Architektur der Wunderkinder: Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945 - 1960", München 2005).

Der architektonische und gestalterische Aufbruch der Nachkriegszeit begann den letzten gestalterischen Nachwehen der Vorkriegszeit spätestens in den 1950er Jahren, der gesellschaftliche vielleicht etwas später.  Die Studentenbewegung der 1960er Jahren ist nur ein plakatives Symbol für den gesellschaftlichen Aufbruch. Diese Zeitströmungen zu kennen sind die Basis für ein besseres Verstehen der Olympischen Spiele 1972, nicht nur als Aufbruch in der Architektur.

Wie immer, ungebremste (architektonische) Zukunfts-Visionen lösen auch eine Gegenbewegung aus. Ein Beispiel ist die Gründung des Münchner Forums 1968 mitten in der Vorbereitungszeit der Olympischen Spiele, angetrieben auch vom selben Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der die Spiele maßgeblich nach München holte. In seinem Rückblick auf die Amtszeit als Oberbürgermeister schrieb er 1972: „Ich werde nie wieder einen Plan der Verwaltung unterschreiben, der nicht vorher öffentlich diskutiert wurde.“ (in Hans-Jochen Vogel, "Die Amtskette", München 1972). Das Münchner Forum begleitet und beeinflusst die gebaute Realität in München bis heute kritisch. Und wer damals der "Unwirtlichkeit der Städte" entfliehen wollte, dem standen Landkommunen, die ebenfalls von der 1968er Bewegung einen neuen Schub erhielten, offen. Vielleicht ist der Zeitpunkt der Gründung der Interessengemeinschaft Bauernhaus 1973 kein Zufall.

Vermutlich spürte man aber damals die Einzigartigkeit des Konzepts „Olympischen Spiele 72", um deren Realisierung innerhalb einer kurzen Zeit von nur sechs Jahren zu ermöglichen.

Neben den Ausstellungen über die Olympischen Sommerspiele 1972 im Architekturmuseum München, dem Stadtmuseum München und der Staatsbibliothek München gibt es auch aktuelle Ausstellungen über die Nachkriegsarchitektur in Bayern in Bad Tölz „Die Moderne der Welt zu Gast In Bad Tölz“ und Nürnberg „Beton. Raum. Kunst. Architektur und Skulptur in Nürnberg“.

Und als Tipp vor und nach den Ausstellungsbesuchen: Halten Sie die Augen offen, noch finden sich Baudenkmäler aus der Nachkriegszeit Zeit auch in Ihrer Umgebung.