Vom Kopf auf die Füße

Eingestellt von: Denkmalnetz Bayern featuring...
Eingestellt am 19.02.2023

Vom Kopf auf die Füße

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Wolfgang Jean Stock dürfen wir diesen wundervollen Artikel zu den geplanten Hochhäusern an der Paketposthalle in München hier veröffentlichen. Erschienen am Freitag, den 17.2.23 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nr 41, Seite 13 im Feuilleton.


In München wird wieder über Hochhäuser gestritten. Auslöser ist ein privater „Masterplan“ für das Gebiet um die frühere Paketposthalle.

Die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben sich um München verdient gemacht. Vom Ausstellungshaus für die Kunstsammlung Goetz (1992) über das innerstädtische Quartier der „fünf Höfe“ (2001) bis zur neuen Fußballarena (2005) haben die Bauten des Büros Herzog & de Meuron die Bayerische Landeshauptstadt nachhaltig bereichert. Umso größer war die Enttäuschung, als vor vier Jahren ihr „Masterplan“ für das Areal um die frühere Paketposthalle im Stadtteil Neuhausen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Für Erschrecken, nicht zuletzt in der Münchner Architektenschaft, sorgte vor allem der Entwurf von zwei modisch wirkenden Hochhäusern mit konkaver Fassade an städtebaulich sensibler Stelle (F.A.Z. vom 27. Juli 2019).

Benannt ist das 87.000 Quadratmeter große Gelände nach der 1969 fertiggestellten Paketposthalle, seinerzeit die weitestgespannte Halle der Welt aus Betonfertigteilen. Dieser denkmalgeschützte Ingenieurbau wird derzeit noch als Briefzentrum von der Deutschen Post genutzt, die das Areal im Sommer 2018 an das Unternehmen von Ralf Büschl verkaufte, einen der großen Münchner Immobilienunternehmer. Ein Jahr später legte Büschl einen von ihm beauftragten Masterplan von Herzog & de Meuron vor, der außer den beiden Hochhäusern mit gemischter Nutzung auch sechsgeschossige Wohnblöcke mit schmalen Innenhöfen vorsah. Das Echo auf diese private Planung, die die Ausnutzung des Areals dramatisch in die Höhe trieb, hätte gespaltener nicht ausfallen können – in Politik und Presse wurde der Entwurf überwiegend begrüßt, in Bürgerschaft und Fachwelt jedoch begann sich Protest zu formieren.

Schwaches Alterswerk

Seither wird die Debatte derart heftig geführt, weil sich in diesem Projekt so gut wie alle Probleme aktueller Stadtentwicklung bündeln: Pflege des gewachsenen Stadtbilds, Herausforderungen für den Denkmalschutz, Dominanz von Investoren, Fehler der kommunalen Politik, Mangel an bezahlbarem Wohnraum.

Und nicht zuletzt geht es um die Rolle von Stararchitekten wie Herzog & de Meuron, die von Investoren gezielt eingesetzt werden, um mit ihrer Ausstrahlung und Autorität potentielle Kritiker von vornherein verstummen lassen.

Im konkreten Fall ging das Kalkül nicht ganz auf, denn das Alterswerk der Basler Architekten zeigt mitunter schwächen. Das klobige Turm-Duo für den Pharmakonzern Roche in ihrer Heimatstadt Basel hätte man als Vorwarnung verstehen können, ihre Münchner Hochhäuser wurden nach einer Überarbeitung mit zwei schräg gestellten Außenaufzügen jedenfalls erst recht zu formalistischen Gebilden. Mehr als das Lob „München sollte etwas wagen“ fällt denn auch den Befürwortern der Türme nicht ein.

Auf der Gegenseite hat sich eine Phalanx von Gegnern gebildet. Im Stadtteil wird der Protest lauter, weil viele Einwohner von den für sehr hohe Häuser typischen Verschattungen und Fallwinden unmittelbar betroffen wären. Das Landesamt für Denkmalpflege wie der Landesdenkmalrat lehnen die Hochhäuser ab, weil die historischen Sichtachsen von Schloss Nymphenburg aus massiv gestört würden.

Das gemeinnützige Münchner Forum, ein 1968 gegründetes „Diskussionsforum für Entwicklungsfragen“, protestiert gegen die Türme aus ökologischen, typologischen und stadträumlichen Gründen. Etwa mit dem Hinweis, dass München eine horizontal angelegte Stadt sei, was auch Jacques Herzog durchaus anerkennt. Und seit vergangenem Jahr droht die parteiübergreifende Initiative „Hochhausstopp“ mit einem Bürgerbegehren. Ihre Forderung, neue Bauten auf 60 Meter Höhe zu begrenzen, haben schon 20.000 Münchner unterzeichnet.

Derzeit wird in der Stadt noch der Hochhausentscheid von 2004 respektiert, bei dem sich eine knappe Mehrheit der Bürger für eine maximale Höhe von einhundert Metern ausgesprochen hatte.

Investor Büschl beharrt bislang auf seinem Projekt und arbeitet dabei mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits lockt er mit dem Versprechen, die Paketposthalle für kulturelle und soziale Zwecke zu öffnen, wobei bis heute unklar ist, wie hoch die Kosten allein für die Sanierung der in die Jahre gekommenen Halle ausfallen würden. auf der anderen Seite droht er damit, lediglich gewerbebauten zu errichten (was der bisherige Bebauungsplan gestatten würde), sollte sein Masterplan von der Stadt nicht genehmigt werde.

Die Stadt wiederum hat sich selbst eine Falle gestellt. Voreilig leitete der Stadtrat schon im Oktober 2019 das Genehmigungsverfahren für den neuen Bebauungsplan ein. Überrascht vor allem durch die Kritik aus der Fachwelt, gab er – seit der Kommunalwahl 2020 nunmehr grün-rot dominiert – ein „Bürgergutachten“ in Auftrag: 112 zufällig ausgewählte Münchner Menschen durften über das Projekt befinden, nicht zuletzt über seine Nachhaltigkeit. sie sprachen sich Anfang 2022 mehrheitlich für Hochhäuser aus, forderten aber zugleich einen Wettbewerb. Das „Gutachten“ hat sich als ein scheindemokratisches Bürgervotum erwiesen, ja als ein Partizipationstheater, mit dem die Stadtspitze von ihrer versäumten Verantwortung als gewählte Repräsentanz ablenken wollte.

Die örtliche Presse begleitet die Büschlplanung überwiegend mit Wohlwollen. Doch wenigstens in ihrem Lokalteil lässt die „Süddeutsche Zeitung“ auch kritische Stimmen zu Wort kommen. Ein Beispiel: Der für Architektur und Stadtentwicklung zuständige Redakteur sprach kurz nach der Vorlage des „Bürgergutachtens“ mit Thomas Auer, seit 2014 Professor für klimagerechtes Bauen an der TU München. Dieser sagte auf die Frage, was Hochhäuser zur Nachhaltigkeit beitragen können, kurz und bündig: „Nichts.“

Im Gespräch mit der F.A.Z. führt Auer aus, dass Gebäude von einer Höhe von 60 Metern an immer unwirtschaftlicher würden, weil verschärfte Vorschriften für Brandschutz und Fluchtwege griffen. Generell seien Hochhäuser aus Beton, Stahl und Glas kein Bautypus, der zu einer verbesserten Klimabilanz führe: „In nahezu allen Vergleichen schneidet es schlechter ab als beispielsweise eine Blockrandbebauung.“ seine Nachteile ließen sich nur reduzieren, verzichtete man vor allem auf die üblicherweise riesigen Tiefgaragen. Thomas Auer bedauert, dass es im Fall des Paketpost-Areals keinen Wettbewerb gegeben hat.

Als kürzlich im Rathaus der Entwurf der neuen Münchner Hochhausstudie vorgestellt wurde, plädierte auch die parteilose Stadtbaurätin Elisabeth Merk für maßvolle Höhen, bei Wohnhochhäusern für maximal 60 Meter. Und im Unterschied zu manchen Stadträten, die das Gegenteil behaupten, sagte sie: „Hochhäuser können nicht das Wohnungsproblem der Stadt München lösen.“ Solche Äußerungen lassen erkennen, dass die Stadtbaurätin in der kommunalpolitischen Gemengelage keine einfache Position hat. So sagte sie etwa bei einer Podiumsdiskussion in der Bayerischen Akademie der schönen Künste, dass sie sich für das Paketpost-Areal einen Wettbewerb vorstellen könne. Besonders schön wäre es, könnte man sich auf ihr Wort auf einem anderen Podium verlassen: „Der Stadtrat lässt sich nicht treiben von namhaften Architekten und Investoren. Er hat die Planungshoheit.“

Ein Befreiungsschlag?

Auffallend an der bisherigen Debatte ist zum einen das offenkundige Desinteresse des Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD), der sich bisher kein einziges Mal qualifiziert geäußert hat, zum anderen die magere Sachkenntnis der politischen Akteure. Deutlich wurde dies während eines weiteren Streitgespräches. Die Münchner SPD gibt sich noch immer der Illusion hin, ausgerechnet in den sündteuren Hochhaustürmen bezahlbaren Wohnraum erreichen zu können. Und die grüne „Kulturbürgermeisterin“ Katrin Habenschaden plauderte über angeblich ökologische Hochhäuser. Dabei gilt gerade der Mailänder Bau namens „Bosco verticale“ mit seiner üppigen Begrünung unter Experten wegen des enormen technischen Aufwands als unökonomisch und zugleich unökologisch.

Jüngst, und ausgerechnet bei einem Immobilienkongress, rief Katrin Habenschaden zu einem „Befreiungsschlag“ für den Bau von neuen Hochhäusern in München auf. im Gegensatz zu ihren kritischen grünen Parteifreunden (die Debatte läuft längst quer durch alle großen Parteien) werden das Investoren und Spekulanten gern gehört haben. Mit Blick auf die zahlreichen Münchner Bürgerinitiativen klagte sie: „Mir stinkt es, immer wieder über Paris, Kopenhagen oder Amsterdam lesen zu müssen, wenn es um strahlende Projekte neuer Urbanität geht.“ Abgesehen davon, dass noch zu klären wäre, ob dort alles wirklich so strahlend ist – kennt sich die Kulturbürgermeisterin mit der Architektur ihrer eigenen Stadt aus? Weiß sie denn nicht, dass Gebäude im Werksviertel und in der Messestadt Riem wichtige Auszeichnungen erhalten haben (jeweils erste Preise des Deutschen Architekturmuseums), Dass außerdem die Isarphilharmonie und das neue Volkstheater bundesweite Anerkennung genießen? Ganz zu schweigen von früheren erfolgen wie den fünf Höfen und dem Jüdischen Zentrum aus der Amtszeit von Oberbürgermeisters Christian Ude.

Ein wirklicher Befreiungsschlag wäre es, wenn die grün-rote Rathauskoalition beim Paketpost-Areal endlich auf renommierte stimmen aus der Fachwelt hören würde. Der Architektenverband BDA München-Oberbayern hat einen Ausweg gewiesen, indem er einen städtebaulichen Wettbewerb fordert. Dadurch könnte der Planungsprozess „vom Kopf auf die Füße“ gestellt werden und die Stadt ihre volle Planungshoheit wiedergewinnen. Genau so steht es auch in der neuen Hochhausstudie: Dort ist der Wettbewerb als der entscheidende dritte Planungsschritt verankert.

Noch hat die Stadtregierung kein Einsehen; in der Bürgerschaft wiederum gewinnt das Projekt keine neuen Freunde, wie dieser Tage deutlich wurde, als die öffentliche Erörterung des überarbeiteten Masterplans in Form einer Bürgerbeteiligung stattfand.

Womöglich erledigt sich das Thema auch von selbst. Manches deutet darauf hin, dass der Büschl-Planung angesichts steigender Baukosten und zunehmender Sensibilität für die Klimafolgen des Bauens faktisch schon die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundlagen entzogen sind.


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