Annegret Bähnisch sammelt Bilder, Informationen und die Geschichten dahinter für den Abrissatlas. Hier: ein mittlerweile abgerissenes Haus in der Dirschauer Straße in München. Foto: A. Bähnisch

Ein Nachruf auf das Abrisshaus

Eingestellt von: Annegret Bähnisch
Eingestellt am 26.06.2026

Ein Nachruf auf das Abrisshaus

Dokumentationen für den Abrissatlas Deutschland
von Annegret Bähnisch

Eine Begegnung, die ganz aus der Nähe greifbar und fühlbar macht, welche Bedeutung die Zerstörung eines Hauses in sich trägt: Mit einer Kamera in der Hand stehe ich auf der Dirschauer Straße in München-Denning stehend fange ich den erst fragenden, dann freundlichen Blick einer Frau auf, die gerade ihre Habseligkeiten in ihren Wagen lädt. Schnell kommen wir ins Gespräch. Sie müsse ausziehen, das Haus werde abgerissen. Ein Haus nach dem anderen werde verschwinden. Sie zeigt auf den benachbarten strahlendweißen Neubau, „da kommt dann auch sowas hin.“ Die Straße entlang stehen einige sehr ähnliche Häuser mit Garagen im Vorgarten, frisch gelegtem Rasen und neuen Zäunen. „Früher haben wir hier jedes Jahr ein Straßenfest gefeiert, aber mit denen kommen wir nicht in Kontakt,“ ergänzt sie mit einer Handbewegung zu einem der neuen Häuser quer über der Straße. Eine Nachbarschaft bricht also auseinander, langsam und leise.

Ähnliche Geschichten sind besonders in solchen Stadtteilen zu hören, in denen Einfamilienhäuser, Doppelhäuser und kleine Mehrfamilienhäuser überwiegen. Seit drei Jahren bin ich mit der Kamera unterwegs und fotografiere Häuser, die wahrscheinlich bald nicht mehr da sein werden. Ich sammle Bilder für den Abrissatlas Deutschland[1].

Was ist der Abrissatlas Deutschland?

Im September 2023 hat ein breites Bündnis den Abrissatlas Deutschland, mit Unterstützung und nach Vorbild des Schweizer Abrissatlas, ins Leben gerufen. Dazu gehören neben dem Denkmalnetz Bayern die Architects for Future, der Bund Deutscher Architekten BDA, das KulturerbeNetz Berlin, die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die Initiative Abrissmoratorium an der Leibniz Universität Hannover und Theatrum e.V. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten geht es den Bündnispartnern darum, das Ausmaß der Zerstörung und seine ökologischen, sozialen und kulturellen Folgen sichtbar zu machen. Beginnend mit dem Jahr 2020 ist jedes Gebäude mit einem schwarzen Punkt und einem Steckbrief hinterlegt.

Stadtadressbücher voller Geschichten

Auch das kleine Haus in der Dirschauer Straße wird also mit einem schwarzen Punkt im Abrissatlas vermerkt. Als wir uns vor zwei Jahren begegnen, erzählt die ausziehende Mieterin, das Haus sei im Jahre 1929 erbaut worden. Das lässt sich ungefähr nachvollziehen. Mit der Eingemeindung Dennings erhält die Dirschauer Straße ihren heutigen Namen[2], der im Straßenverzeichnis des Stadtadressbuchs von 1931 erstmals erwähnt wird und ab 1932 im Straßenverzeichnis sämtliche Häuser, deren Eigentümer sowie Mitbewohner und Mieter mit ihren jeweiligen Berufen auflistet. Demnach ließ sich hier der Obsthändler Franz Baumann mit seiner Frau Walburga nieder, die ersten beiden Mieter waren Hilfsarbeiter. Nach dem Tod des Obsthändlers Mitte der 1930er Jahre heiratet die Witwe den Schmied Andreas Lehermeier. Ende der 1960er Jahre verliert sich die Spur. Das letzte Straßenverzeichnis erscheint im Adressbuch 1967.

Adressbücher sind an unterschiedlichen Standorten zu finden, von der Bayerischen Staatsbibliothek über Stadtarchive bis zu den Ahnenforschern, die besonders großes Interesse daran haben. Ganze Arbeit hat der Verein für Computergenealogie e.V. geleistet, indem er die Standorte der Adressbücher, digital und online, in großer Breite zusammenstellt[3]. Ein guter Teil alter Adressbücher wurde bereits von der Bayerischen Staatsbibliothek digitalisiert und lässt sich online durchblättern oder herunterladen[4].

Die Straßenverzeichnisse geben nicht zuletzt Aufschluss über die Bevölkerungsstruktur. Entlang der Dirschauer Straße lebten vorwiegend Handwerker, Arbeiter, Kaufleute. Nach Abriss des Hauses richtet sich das Angebot von „zwei eleganten Villenhälften“ gewiss nicht an jene Handwerker, die ab den 1920er Jahren dieses Gebiet besiedelten. Die „Denninger Kolonie“ westlich der Ostpreußenstraße entstand ab 1926, nachdem der Lehm zur Ziegelherstellung abgetragen war. Auf dem „JRO-Plan von Groß-München“ von 1932[5] sind im Umfeld noch einige Ziegeleien eingetragen.

Alte Stadtpläne sind vor allem dort nützlich, wo Straßen im Laufe der Zeit umbenannt wurden, etwa nach Eingemeindungen oder insbesondere auch während der Nazizeit. Hilfreich sind sie auch dort, wo Straßenführungen sich änderten, beispielsweise nach Ausbau des Mittleren Rings in den 1960er Jahren. Die Bayerische Staatsbibliothek stellt einige alte Stadtpläne digitalisiert bereit[6].

Auch traurige Entdeckungen

Hilfreich beispielsweise bei der folgenden bewegenden Hausgeschichte: Im August 2024 berät der Bezirksausschuss Schwabing-Freimann über die Neubaupläne in der Kunigundenstraße 2a[7]. Das Vorderhaus mit der Hausnummer 2 aus den 1960er Jahren wird saniert, das Rückgebäude ist mittlerweile abgerissen. Beide Gebäude gehören stets demselben Eigentümer, dem heutigen Vordergebäude muss ein Mietshaus von 1863 weichen[8], das erschließt eine Bauakte im Stadtarchiv. Zur Zeit der Eingemeindung Schwabings 1890, als sich die Adresse noch in der Sackstraße 10 befand – erst 1897 erhält die Straße ihren heutigen Namen -, gehörten die beiden Gebäude dem Ingenieur und Fabrikdirektor der „Podewils’schen Fäcalextrakt-Fabrik“ in Augsburg, Adalbert Freiherr von Podewils, selbst wohnhaft in der Türkenstraße. Seine Erbinnen veräußern die Liegenschaft um 1910 an den Kaufmann David Löwenthal. Erst etwa 1930 kommt das „Seitengebäude“ hinzu. Meist leben hier Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner. Spätestens 1941 wird dem Getreidegroßhändler David Löwenthal, der selbst in der Pettenkoferstraße lebt, nicht nur das Eigentum entzogen, neuer Eigentümer ist das Deutsche Reich. „Der deutschen Staatsbürgerschaft für verlustig erklärt durch Bekanntmachung vom 15.02.1939“ heißt es in nüchternem Amtsdeutsch im Deutschen Reichsanzeiger Nr. 41[9]. Danach verliert sich seine Spur, er stirbt 1940[10]. Ende der 1940er Jahre erwirbt eine alteingesessene Schwabinger Familie das Anwesen. Mit der Werneck-Garage bleibt die Familie über Generationen den vier Rädern treu, vom Lohnkutscher über den Chauffeur zur Fahrschule. Hochbetagt sterben die letzten Fahrschulinhaber im Jahre 2019.

Beim Abrissatlas kann jeder mitmachen

Die schwarzen Punkte im Abrissatlas werden auf diese Weise zu kleinen Nachrufen oder Grabinschriften von Häusern, die – ob unter heutigen ästhetischen Maßstäben schön oder nicht – daran erinnern, dass Menschen einst Fleiß und Mühe in sie steckten. Sie schufen sich ein Dach über dem Kopf, aber gestalteten auch Gemeinschaft. Sichtbar wird, dass nun oftmals jahrzehntelanger Familienbesitz dank Erbschaft aufgelöst wird oder aufgelöst werden muss und damit einhergehend Gemeinschaft zerbröckelt.

Im Abrissatlas ist jeder und jede zur Beteiligung aufgerufen, um so das kulturelle, soziale und ökologische Ausmaß deutschlandweit zu dokumentieren, in der Hoffnung auf ein lang überfälliges politisches Umdenken.



Der Artikel ist in gekürzter Fassung erschienen in der Zeitschrift "Schönere Heimat" 2026, Heft 2, in der Reihe "Aus dem Denkmalnetz", die es seit 2023 gibt.

Ein Nachruf auf das Abrisshaus - Fotos


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